Geschichte des „vermissten” Gemäldes aus der Kirche in Ukta in Masuren und seines „Wiederfindens” - Ukta

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Geschichte des „vermissten” Gemäldes aus der Kirche in Ukta in Masuren und seines „Wiederfindens”

Geschichte des „vermissten” Gemäldes aus der Kirche in Ukta in Masuren und seines „Wiederfindens”



Krzysztof A. Worobiec
Geschichte des "vermissten" Gemäldes aus der Kirche in Ukta in Masuren und seines "Wiederfindens"
In dem Buch "Ilustrowany przewodnik po Mazurach Pruskich i Warmii" ("Illustrierter Führer durch preußisches Masuren und Ermland") vom Jahre 1923, einer unersetzlichen Quelle von landeskundlichem Wissen über dieses Gebiet, informierte Mieczysław Orłowicz: "Alt Ukta […] Ein Städtchen, das samt umherliegenden Dörfern bis 1200 Einwohner zählt (zur Hälfte Deutsche), stellt eine Art Oase in den Wäldern der Johannisburger Heide dar. Die gemauerte Kirche von 1864 steht auf einem Hügel, neben ihr ein hölzerner Glockenturm. Am Altar befindet sich ein Gemälde von Muziano "Grablegung Christi", Eigentum des Kunstmuseums in Berlin".
Diese von Orłowicz gegebene Information wurde in vielen späteren Monographien, Führern und ähnlichen Publikationen wiederholt, jedoch keiner der Autoren erweiterte sie, dafür verschwiegen alle den Namen des Malers. Anscheinend machte sich keiner die Mühe, das Geheimnis dieser merkwürdigen Geschichte aufzuhellen: wie und warum gelangte ein Gemälde aus einem Berliner Museum in ein kleines, in der Hauptstadt wohl unbekanntes Dorf in der Großen Wildnis, wie man damals die Johannisburger Heide nannte, irgendwohin in die Peripherie des Landes, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen! Je länger ich mir das Gemälde in der Pfarrkirche in Ukta anschaute, umso unruhiger wurde ich. Nach zahlreichen Besuchen in verschiedenen italienischen Museen und Kirchen, wo ich mehrere Gemälde des Cinquecento sah, überrascht über ihre stilistische Ähnlichkeit zu dem Gemälde in Ukta, entschloss ich mich, mehr Informationen über dessen Urheber zu suchen. Im Herbst 2010, nach Rückkehr aus einer weiteren Reise nach Italien, fand ich Informationen über einen Künstler Namens Girolamo Muziano, einen Italiener, der in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts gelebt und gearbeitet hatte! Das, was ich über den Maler und die Geschichte des Gemäldes sowie seiner Anwesenheit in einem kleinen masurischen Dorf fand, ist richtig verblüffend.
Die Kirche
In der Johannisburger Heide, in den ehemaligen Königliche Kruttingensche Forst, direkt bei der Brücke über den Fluss Krutinna, befanden sich noch am Ende des 18. Jahrhunderts zwei kleine Siedlungen. Auf dem linken Flussufer lag die gegen 1745 gegründete Kruttinger Glaßshütte, und auf dem rechten Ufer der 1766 gegründeter Johannis Krug. In der ersten Siedlung befand sich eine Glashütte, die andere wiederum war ein Dorf um ein Wirtshaus. Bis zur Hälfte des 19. Jahrhunderts gehörte Ukta zu der evangelischen Pfarrei in Aweyden (heute Nawiady). Da es nötig war, die Seelsorge zu stärken, wurde 1846 eine Pfarrei in Ukta gegründet. Es gab hier keine Kirche und 18 Jahre lang fanden die Gottesdienste in der Schule statt: so lange bemühte sich Pfarrer Gustav Kendzorra um den Bau einer Pfarrkirche. Im Jahre 1860 wurde das bischöfliche Dekret zur Errichtung der Kirche unterzeichnet, danach fand die Grundsteinlegung statt und es wurde mit dem Bau der Kirche nach dem Entwurf von Johann Groß, wahrscheinlich in Zusammenarbeit mit dem königlichen Architekten Dr. Friedrich August Stüler, angefangen. Schirmherr des Kirchenbaus wurde der Thronfolger, Wilhelm Friedrich Ludwig von Preußen aus dem Haus Hohenzollern, seit 1861 König von Preußen sowie ab 1871 erster Deutscher Kaiser. Am 4. September 1864 fand die feierliche Einweihung der Kirche statt, die aus rotem Backstein in neugotischem Stil erbaut wurde, ohne Turm, mit nach Westen gerichteter Fassade und der Apsis auf der östlichen Seite. Die Frontfassade verziert ein Dachreiter, in dem eine kleine Glocke untergebracht wurde, und eine Fensterrose mit einem untypischen Maßwerk in der Form eines Davidsterns. Im Jahre 1937 gehörten der Pfarrei in Ukta 15 Ortschaften an, die insgesamt 3300 Gläubige zählten. Nach dem Zweiten Weltkrieg erfolgten tiefe Veränderungen in der Einwohnerstruktur, die eine abrupte Abnahme von Gläubigen der evangelischen Kirche zur Folge hatten, und am 29. März 1981 wurde die Kirche von der lokalen katholischen Gemeinde übernommen. Im Jahre 1984 wurde sie der evangelischen Gemeinde endgültig abgekauft.
Der Altar
Bescheiden, elegant und harmonisch - so wie die Gestalt der Kirche, so präsentiert sich auch ihr Innenraum. Über dem Haupteingang befindet sich eine neugotische Orgel, die von dem berühmten Orgelmeister Wilhelm Sauer aus Frankfurt an der Oder hergestellt und der Kirche von Pfarrer Kendzorra geschenkt wurde, der für die Anschaffung 700 Taler aus dem Erbe von seinem Vater vorsah. In dem Altarraum befindet sich der Altar und ein neugotischer Altaraufsatz. Ursprünglich war die Kirche in königlichem Stil schön bemalt, so wie es sich gehörte bei einem solchen Schirmherrn: in Schattierungen von Preußisch Blau, Ultramarin und Siena, mit zahlreichen Vergoldungen an den Wänden, auf dem Altaraufsatz und der Orgel (heute ist die Kirche weiß gestrichen).
(hier: Altar vom Hoftischler Franke. Fot. K. Worobiec)
Der neugotische Altaraufsatz ist heute mit einer schwarzen Ölfarbe und einer Goldfarbe gestrichen. Nach der "Chronik und Statistik der Evangelischen Kirche …" von 1890: "Der Altaraufsatz aus Eichholz in gotischem Stil, nach Dr. Stüler aus Berlin wurde in Berlin von dem Hof-Tischler Franke gemacht". Der Tischlermeister C. W. Franke führte in den Jahren 1844-1866 eine Werkstatt in Berlin in der Markgrafenstraße 4. Er war Hoftischler des Prinzen Waldemar von Preußen, dann des Prinzen Wilhelm, des Thronfolgers, und nachdem letzterer im Jahre 1861 zum König Wilhelm I. gekrönt worden war, konnte der Meister seine Möbel mit der Signatur "Franke. Hof-Tischler. Berlin" versehen. Als Hoftischler stellte Franke unter anderem einen mit Perlmutt und Ebenholz eingelegten königlichen Thronsessel für die Friedenskirche in Potsdam sowie … den Altaraufsatz für die Pfarrkirche in Ukta her. Der Aufsatz, kunstvoll und bescheiden, mit vier gotischen Fialen mit Blätterbüscheln und Kreuzblumen sowie zwei Seitennischen dekoriert, ist ein "maßgeschneiderter" Rahmen für das Gemälde, welches das wichtigste und kostbarste Element des gesamten Altars und der Kirche darstellen sollte.
Es ist unbekannt, wie der in Berlin hergestellte Aufsatz in ein 700 km entferntes Dorf in Masuren befördert wurde: als Ganzes oder in Teilen? Beides wäre kein einfaches Unternehmen; es gab noch keine Eisenbahn. All das sind Beweise dafür, welch große Bedeutung man der königlichen Schirmherrschaft beimaß und wie hoch man das als Leihgabe gegebene Gemälde schätzte.
Das Gemälde
Der Altaraufsatz umrahmt ein Gemälde mit der folgenden lateinischen Unterschrift (in Übersetzung): "Der Todestod (Jesu Christi) wäre vergessen, wenn nicht durch (Seinen) Tod der Tod getötet würde - dann wäre das verstorbene Leben ohne Lebenshoffnung". In der "Chronik und Statistik der Evangelischen Kirche in den Provinzen Ost- und Westpreußen" von 1890 wurde geschrieben: "Das Gemälde (…) wird der Pfarrei von der Hohen Majestät - auf Bitte von Pfarrer Kendzior - aus der Sammlung des königlichen Museums in Berlin als Leihgabe übergeben, unter dem Vorbehalt, dass es im Eigentum des Museums verbleibt, und unter der Aufsicht des Generalleiters des Museums sowie unter der Voraussetzung einer sorgfältigen Wartung und sofortigen Rückgabe im Falle, dass die jetzigen Voraussetzungen nicht erfüllt werden".
(hier: Das Meisterstück eines italienischen Malers geschenkt von König Wilhelm I. von Preußen. Fot. K. Worobiec)
Die Vorbehalte König Wilhelms I. bezüglich der Bedingungen, in welchen das Gemälde aufbewahrt werden sollte, bestätigen, dass es kein Erstbestes war, das in den Lagern des königlichen Museums in Berlin herumlag, und dass der König sich über den Wert des einer kleinen masurischen Pfarrei als Leihgabe gegebenes Werkes bewusst war. In dem Katalog der Denkmäler in Ost- und Westpreußen von 1896 wurde geschrieben: "Das Altargemälde ist Eigentum des Königlichen Museums in Berlin und stellt die von seinen Nächsten beweinte Leiche Christi dar. Gemalt von Muziano".
Obwohl die Kirche in Ukta 1989 in das Register von Denkmälern der Region Ermland-Masuren eingetragen wurde, wurde das sich im Altar befindende Gemälde nicht in das Register der mobilen Denkmäler eingetragen, trotz der Fertigung der sog. weißen Karte des Denkmals 1987, in der geschrieben wurde: "Das Gemälde (…) in dem neugotischen Hauptaltar", in der Rubrik "Urheber" wurde richtigerweise "Muziano" eingetragen, als Stil aber nannte man fehlerhaft "Barock".
Das Gemälde misst 145 x 113 cm, wurde auf einer Leinwand gemacht und stellt die Szene der Beweinung Christi vor seiner Grablegung dar. Der vom Kreuz genommene Christus wird im Zentralteil des Gemäldes fast nackt und umgeben von fünf Personen dargestellt. Traditionsgemäß wird Christi Leib von Maria Magdalena und Josef von Arimathäa gestützt. Hinter ihnen befinden sich der Evangelist Johannes, die Muttergottes und der Heilige Nikodemus. Die Szene spielt vor dem Felsengrab, wohin der Leichnam gelegt werden soll. Im Hintergrund sieht man eine bergige Landschaft mit den Umrissen einer Stadt - ein charakteristisches Motiv italienischer Malerei der Renaissance. Auf dem Gemälde befindet sich keine Signatur, aber nach den oben erwähnten Quellen wurde es von dem italienischen Künstler Girolamo Muziano gemalt. Seine Urheberschaft wird auch durch den Vergleich der Farbabstimmung, Komposition und des Stils mit anderen Werken des Malers bestätigt.
Der Maler
Girolamo Muziano war ein italienischer Maler und Zeichner, einer der wichtigsten Persönlichkeiten in dem Künstlermilieu in Rom der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Er ist im Jahre 1532 in Aquafredda (Lombardei) geboren; er starb 1592 in Rom. Malerei lernte er in Padua und Venedig; er befand sich unter starkem Einfluss der Kunst von Tizian, Michelangelo und Taddeo Zuccaro. Im Jahre 1549 ließ sich Muziano in Rom nieder, wo besonders seine religiösen Gemälde bekannt und hoch geschätzt waren. Sein Gemälde "Die Auferweckung des Lazarus" wurde von Michelangelo gepriesen, der Muziano zu "einem der größten Künstler des Jahrhunderts" erklärte. In den Jahren 1570-1590 arbeitete Muziano als einer der am meisten anerkannten Maler für den Kardinal Ippolito II. d'Este sowie den Papst Gregor XIII.
Girolamo Muziano schuf Fresken, Gemälden und Zeichnungen, die man heutzutage in den Sammlungen von den renommiertesten Galerien der Welt findet: den Vatikanischen Museen, den Uffizien in Florenz, dem Louvre in Paris, dem Dommuseum in Orvieto, der Royal Collection in London, dem Metropolitan Museum of Art in New York, dem J. Paul Getty Museum in Los Angeles, der National Gallery in Kanada und … der Pfarrkirche in Ukta in Masuren!
Mit dem Werk von Girolamo Muziano beschäftigt sich Patrizia Tosini, Professorin der Geschichte der modernen Kunst an der Universität Cassino. In ihrem 588 Seiten zählenden Buch "Girolamo Muziano 1532-1592 dalla Maniera alla Natura", der größten Monographie betreffend das Werk von Muziano, befindet sich jedoch kein Wort über das Gemälde in Ukta. In dem Buch gibt es eine Reproduktion eines Gemäldes von Livio Agresti, einem Maler aus dem Milieu von Muziano, das in Komposition und Darstellung der Personen mit dem Bild in Ukta beinahe identisch ist (vielleicht ist das eine Kopie?) und diente als Muster bei der Restaurierung von Schäden in dem Gemälde während der von der Denkmalspflegerin Grażyna Dzisko-Wadas im Jahre 2011 durchgeführten Konservierungsarbeiten. Bei dieser Gelegenheit wurden die von dem Maler verwendeten Pigmente untersucht. Die Untersuchung ließ bestätigen, dass das Gemälde aus dem 16. Jahrhundert stammt.
Gesucht obwohl nicht verloren
In Berlin gibt es keinen König mehr und kein königliches Museum, seit der Übergabe des Gemäldes nach Ukta verstrichen fast anderthalb Jahrhunderte, das Dorf sah zwei Weltkriege, und trotzdem befindet sich das Bild immer noch in dem Ort, den Wilhelm I. genannt hatte. Glücklicherweise ließen die Russen, die Ukta zweimal eroberten (im August 1914 und im Januar 1945), und nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wertvolle Sachen einschließlich Kunstwerke ausführten, das Gemälde in der Kirche! Auch Plünderer, die nach dem Krieg alles, was auch irgendeinen Wert hatte, ausplünderten, rührten das wertvolle Bild nicht an. Höchstwahrscheinlich dachte keiner von ihnen, dass sich in einer Dorfkirche inmitten der Johannisburger Heide ein derart wertvolles Gemälde befinden könnte. Auf diese Weise überdauerte es unversehrt zwei Kriege auf seinem Platz.
Viele Kunstwerke hatten weniger Glück, zahlreiche von ihnen wurden zerstört oder gestohlen und ausgeführt, weshalb in mehreren Ländern Listen von verlorenen und gesuchten Werken aufgestellt wurden. Zu ihnen gehört die durch die Koordinierungsstelle Magdeburg betriebene "Lost Art Internet-Datenbank", die Kulturgüter umfasst, welche als Folge des Zweiten Weltkrieges verloren gegangen, beschlagnahmt, gestohlen oder ausgeführt wurden. In dieser Liste befindet sich ein Foto von … dem Gemälde aus Ukta mit der folgenden Beschreibung: "Beweinung Christi, Künstler: Girolamo Muziano, Abmessungen: Höhe 142 cm, Breite 110 cm, Provenienz: Sammlung: Gemäldegalerie in Berlin, Inv. Nr. B 158, Verwaltung: Alt-Ukta Evangelische Kirche, Zugangsart: Leihgabe, Zugangsdatum: 1863. Verlustgeschichte: Alt-Ukta (Evangelische Kirche)".
Man kann sich zwar über die Eintragung des Gemäldes aus Ukta auf die Liste der gesuchten Werke wundern, aber gleichzeitig stellt sie ein gewisses "Zertifikat" seiner Authentizität und die endgültige Bestätigung seiner Provenienz dar! Das Bild wurde als vermisst auf eine internationale Liste verlorener Kunstwerke eingetragen, obwohl es weder ausgeführt noch gestohlen noch zerstört wurde, sondern seit fast 150 Jahren an demselben Platz hängt. Es wurde nicht verloren, es wurde vergessen, bedeckt mit Staub, Wachs und Ruß aus den Kerzen, wodurch es seine italienische Farbabstimmung langsam verlor und immer bräunlicher wurde. So war es bis zum Jahre 2010, als ich, von dem Wert und der Abstammung des Gemäldes überzeugt, den Pfarrer von meiner "Entdeckung" informierte. Priester Waldemar Sawicki entschied sofort, das Gemälde fachlicher konservierender Behandlung zu unterziehen und seinen ursprünglichen Glanz wiederherzustellen (das ist aber eine getrennte Erzählung). Auf diese Art wurde die von dem König gestellte Voraussetzung einer sorgfältigen Wartung erfüllt und die Gemeinschaft von Ukta kann stolz sein, solch einen wertvollen Schatz in ihrer Pfarrkirche zu besitzen.
Krzysztof A. Worobiec
Der Text ist ein Auszug aus einer noch nicht veröffentlichten Publikation betreffend die Geschichte des Gemäldes und der Kirche in Ukta und wurde für "Gazeta Wyborcza/Olsztyn" vorbereitet.
Aus dem Polnischen übersetzt von Weronika Szemińska.

 
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